Leseprobe aus Michael Schmidt: Silbermond – Weststadt
Vorwort: Schon ewig schwebte mir eine Geschichte über eine Stadt vor. Inspiriert von der Schallplatte „No Mean City“ von Nazareth hieß mein erster Entwurf ebenso und war die Geschichte einer Stadt zwischen den Welten, die irgendwo zwischen Fantasy und Horror angesiedelt war. Gedruckt wurde sie nie, auch nicht vollendet. Durch Chris Weidler bekam das Stadtprojekt eine neue Richtung. Saramee hieß die Stadt, die im Atlantis Verlag ihre Heimat fand. Doch eine Serie mit mehreren Autoren ist auch immer ein Kompromiss und somit schwirrte die Ursprungsidee immer noch weiter in meinem Kopf. Als in Phase X3 ein phantastischer Ort gesucht wurde, schrieb ich schnell eine Geschichte. Die Rockmusik mit einer Horrorgeschichte zu verweben, war immer etwas was mich gereizt hatte. Die Geschichte „Silbermond – Weststadt“ war geboren und fand Einzug in unser Magazin und Anklang bei den Lesern. Ein Grund, die Geschichte weiter zu erzählen und einen Roman daraus zu machen. Dieser ist fertig und harrt auf eine Veröffentlichung. „Silbermond – Oststadt“, die zweite Geschichte ist im Mai 2008 in der Anthologie „Disturbania“ erschienen ist (http://www.projekt-kopfkino.de/?page_id=17). Eine dritte Geschichte namens "Mighty Queen" ist ebenfalls noch unveröffentlicht.
Hier der Anfang der Geschichte „Silbermond – Weststadt“ :
1. Jasper
Der Mohyn rechter Hand dessen Oberfläche sich das Mondlicht reflektierte, sorgte für einen Schwall frischer Luft, die zusammen mit dem Regen vom Ostwind herübergeweht wurde. Das rissige Pflaster glänzte schmierig und warf das bunte Licht der Neonreklame zurück, flackernd und seltsam unwirklich. Die Farben verblassten und nahmen an Intensität zu, ganz im Rhythmus der synchronen Schlagzeuge.
Unmengen hatten sich auf dem Wandaplatz versammelt, aus tausenden Kehlen trieb Ekstase, angefeuert von der elfköpfigen Combo, deren Spiel nicht vom Regen getrübt wurde, eher fachte es die Leidenschaft der Musiker noch an. Drei Gitarren wetteiferten, schrille Töne, deren Melodien sich voneinander entfernten, um sich in verspieltem Werben wieder zusammen zu finden, im seltsamen Widerspruch von Gemeinsamkeit und Egoismus, während im Hintergrund Bass und Rhythmusgitarre den Klangteppich der beiden Schlagzeuger untermauerten. Die letzten Barrieren der Vernunft wurden niedergerissen und verwandelten den Mob in eine kreischende Menge. Drei Stimmen im Chor, monoton und hypnotisch, nur unterbrochen vom kehligen Gesang des Frontmannes, der sich schreiend, fast spastisch gebärdete.
Silbermond. Du Quell meiner Leidenschaft.
Silbermond. Ich begehre dich.
Silbermond. Du bist meine Schaffenskraft.
Silbermond. Ich liebe und hasse dich.
Ach, Silbermond, du einzigartige Stadt. Mein Grab, für immer, gefangen in Ekstase. Du bist ein Moloch, der Sündenpfuhl, der mich aushöhlt.
Ach, Silbermond, was hast du mir angetan?
Silbermond. Du Quell meiner Leidenschaft.
Silbermond. Ich begehre dich.
Silbermond. Du bist meine Schaffenskraft.
Silbermond. Ich liebe und hasse dich.
Jasper tanzte mit, schrie die Zeilen hinaus, während er die Arme gereckt, im Einklang mit der Menge hin- und her wog. Doch plötzlich schwindelte ihm. Sein Gesichtsfeld verschob sich, verzerrte die Wahrnehmung, als würde die Welt in die Länge gezogen, an den Rändern nach innen gestülpt.
Oh Scheiße!
Irgendwas in dem Stoff musste übel sein, eine solche Wirkung hatte er niemals zuvor gespürt. Die Musik trat in den Hintergrund, seltsam dumpf, als wäre ein Filter vorgeschaltet. Er schwankte, hielt mühsam die Balance und wischte sich mit dem rechten Arm den Schweiß von der Stirn.
Mann, geht's mir dreckig!
Er blickte sich um, auf Normalität hoffend, doch der seltsame Modus, der von ihm Besitz ergriffen hatte, blieb und trieb ihn fast an den Rand des Wahnsinns. Als er es nicht mehr aushielt, drehte er sich um und suchte Erleichterung von der Menge, strebte zu den zahlreicher werdenden Lücken in der ansonsten dichtgedrängten Menge. Er wankte nach rechts, vorbei an den schattenhaften Gestalten, während die Musik mal klarer, mal dumpfer wurde. Hier und da rempelte er versehentlich Menschen an, Flüche und Schläge ignorierend, eilte er weiter, ganz gefangen in seiner persönlichen Agonie, während um ihn herum die Stimmung neue Höhen erreichte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er das Ufer des Mohyn erreicht, fiel auf die Knie und tauchte die Hände in die brackige Brühe. Keine Erleichterung, also spritzte er einen Schwall Wasser in sein Gesicht, anschließend den ganzen Kopf unter Wasser tauchend, um sich wenig später schüttelnd zu erheben. Das kalte Wasser wischte die glückselige Dumpfheit des Maronpulvers hinweg, doch auch dies vertrieb den Wahnsinnsmodus nicht. Die Welt zog, streckte, bog, dehnte, stülpte und normalisierte sich wieder, in einem wiederkehrenden, doch alles andere als periodischen Rhythmus. Die Farben flackerten, verliefen ineinander, bis plötzlich das Bild gefror.
Nur noch schwarz und weiß, die Musik verstummte und machte einer bedrohlichen Stille Platz. Er schaute sich um und erstarrte. Ihm wurde heiß und kalt zugleich, fast schwankte er unter dem Eindruck des Bildes, das sich ihm bot.
Die Menge verschwunden, stattdessen war der Platz von Karikaturen der Beutelleute bevölkert und wirkten diese schon abnormal, mit abstoßenden Gesichtern und verwachsenen Gliedern, schreckten diese Wesen durch noch schrecklicherer Gestalt ab.
Auf dem Rücken thronte ein riesiger Buckel, der ein unheimliches Eigenleben führte, pulsierte, als wäre in ihm etwas Lebendiges, das jederzeit ausbrechen könnte. Im Gesicht prangten riesige Nasen, aus denen weißlicher Schleim lief, der nach einer Mischung aus Eiter und Metall roch und ihm einen Brechreiz verursachte.
Eines der Wesen kam näher, öffnete den Mund und entblößte bläuliche Zähne, klein und messerscharf wirkend. Ein Schwall abgestandener Luft traf ihn, eine Kloake menschlicher Exkremente ähnelnd. Als lange, knochige Finger nach ihm griffen, war es zuviel für ihn.
Das Licht flackerte erneut, wich diesmal aber absoluter Dunkelheit. Er spürte noch einen Schmerz, als er zu Boden ging, dann ging das Licht aus. Das wohlige Schwarz des Vergessens hatte von ihm Besitz ergriffen.